Geschichten aus dem Buch
Der Jakobsweg steckt voller besonderer Geschichten. Unvergessliche Begegnungen, überraschende Erlebnisse und bewegende Momente machen jede Pilgerreise einzigartig. Hier teile ich persönliche Geschichten von meinen Jakobswegen, die mich besonders geprägt haben.
18. Mai 2015 - León
In der Stadt waren alle Pilgerherbergen bis auf das letzte Bett gefüllt. Mit Hilfe einer Italienerin, die in einer Herberge ein Praktikum absolvierte, und einem jungen spanischen Pärchen fand ich nach einer Stunde intensiver Suche ein Zimmer in einem Hotel im Stadtzentrum für sechzig Euro. Diese Hilfsbereitschaft hatte ich nicht erwartet und ich wollte deswegen meine Helfer dafür in einer Bar auf ein Getränk einladen. Sie lehnten dieses Angebot aber dankend ab und meinten nur, dass es für sie eine Selbstverständlichkeit sei, einem Pilger in Not zu helfen.
22. Mai 2015 - Foncedon
Anschließend begann in den Montes León ein stundenlanger Abstieg über neunhundert Höhenmeter nach Molinaseca. Die Blumen und Sträucher blühten in allen Farben und die Aussicht auf die umgebenden Berge war atemberaubend. In den letzten Tagen war es wieder sehr warm geworden und die Temperaturen überschritten die 30 Grad Marke. Durch die körperlichen Anstrengungen der letzten Tage und die hohen Temperaturen war ich sehr erschöpft, und meine Trinkreserven waren ebenfalls leer. Mit letzter Kraft kam ich nach 28 Kilometern und acht Stunden Gehzeit in der Herberge in Porferrada an. Seit dem Start in León vor vier Tagen habe ich 104 Kilometer zu Fuß zurückgelegt. Niemals zuvor war ich so viele Kilometer in so kurzer Zeit gegangen. Ich versuchte, mich den Rest des Tages zu erholen und war mir am Abend nicht sicher, ob ich am nächsten Tag ausreichend Kraft zum Weitergehen hatte.
25. Mai 2025 - O Cebreiro
Abends besuchte ich die Pilgermesse und genoss anschließend die Aussicht über die Bergwelt von Galicien. Später traf ich erstmals auf Erich und Walter aus dem Schwarzwald, meine nächsten Wanderkollegen bis Santiago de Compostela. Interessant ist auch, wie sich Neuigkeiten über Pilger auf dem Jakobsweg verbreiten. Ich war zu diesem Zeitpunkt einer der wenigen Österreicher, die am Weg unterwegs waren. Es ist mir bis jetzt nicht erklärbar, wie die beiden von mir Kenntnis erlangt haben. Eine lustige Geschichte ist es trotzdem und es beweist wiederum, dass der „Caminofunk“ noch immer funktioniert.
02. Juni 2015 - Finisterre
Am frühen Abend machte ich mich auf den drei Kilometer langen Weg zum Kap Finisterre, dem „Ende der Welt“. Für viele Jakobspilger gilt das Kap als das eigentliche Ende des Jakobswegs, zumal dort der Kilometerstein Null steht. Ich setzte mich an die Klippen und genoss den Augenblick. Rundherum hörte man den Atlantik brausen und hohe Wellen brandeten gegen die Küste. Viele Pilger verbrannten an diesem Ort Kleidungsstücke, die sie auf dem Weg hierher getragen hatten, und verließen ihn mit neuer Kleidung. Ich wartete auf den Sonnenuntergang, aber leider war es lange Zeit über dem Meer bewölkt. Gegen 21 Uhr rissen die Wolken teilweise auf und ich beobachtete durch ein Wolkenfenster einen wunderschönen Sonnenuntergang am Ende der Welt.
05. August 2025 - Lissabon
Später schlenderte ich im Zentrum durch die Rua Augusta und wurde dabei einige Male offen angesprochen, ob ich Drogen aller Art kaufen möchte. Ich war darüber sehr verwundert, aber auch andere machten diese Erfahrung und meinten, dass dies normal sei. Vielleicht konnte man mir noch die Anreisestrapazen und den nur kurzen Schlaf in der letzten Nacht ansehen und wollte mir deswegen etwas zum Aufputschen anbieten.
13. August 2025 Mos – Pontevedra
Obwohl ich schon einige Nächte in Stockbetten in Jugendherbergen und Pilgerunterkünften verbrachte, bleibt mir diese eine Nacht in Mos in ewiger Erinnerung. Ich schlief im oberen Bett und bereits beim ersten Hochsteigen bemerkte ich, dass das ganze Stockbett Geräusche machte. Anfangs dachte ich mir dabei nichts. Doch in der Nacht wurde dies ein größeres Problem für mich und auch die anderen im Raum. Jedes Mal, wenn ich mich im Bett auch nur leicht bewegte, quietschte es. So versuchte ich, mich bewusst so wenig wie möglich zu bewegen. Am Morgen und auch in den darauffolgenden Tagen war diese lustige Geschichte ein aufgelegtes Thema. Seit dieser Nacht kontrollierte ich in jeder Herberge und jedem Hostel zuerst die Stockbetten auf ihre Stabilität und Geräuschlosigkeit.
15. August 2025 - Faramello
Der Hostelario erzählte mir vom Pazo do Faramello. Diesen musste ich unbedingt sehen, und so machte ich mich auf den Weg und fand versteckt in einem Wald einen kleinen Palast. Er wurde zu Beginn des 18. Jahrhunderts auf Terrassen in der Schlucht des Flusses Sar im barocken Stil der Compostela civil errichtet. Es ist der letzte Palast auf dem portugiesischen Weg vor Santiago de Compostela. Der Palast war auch die Sommerresidenz von König Alfons XIII. und von Infantin Lois von Bayern auf ihren Reisen nach Galizien. Der frei zugängliche Garten war bezaubernd und wirkte verträumt. Irgendwie erinnerte er mich an einen verwunschenen Platz, wo eine Prinzessin auf die Rettung durch einen Prinzen wartete.
18. August 2025 -Der Pilgerschatten von A Quintana
Über Santiago de Compostela gibt es einige Legenden. Die bekannteste ist jene über den Pilgerschatten am Plaza von A Quintana. Beim südlichen Tor Portico de las Praterias befindet sich in einer Ecke der Kathedrale eine Säule. Nach dem Sonnenuntergang wirft diese Säule einen Schatten in Form eines Pilgers an die Außenwand der Kathedrale. Darüber gibt es folgende Legenden:
Nach einer anderen Version handelt es sich um einen Priester, der eine heimliche Liebesbeziehung zu einer Nonne im Kloster San Paio de Antealtares hatte. Er schlug seiner Geliebten vor, gemeinsam aus Santiago zu fliehen und sie verabredeten sich nachts auf dem Platz. Er verkleidete sich dazu als Pilger, um nicht aufzufallen. Er wartete stundenlang, aber seine Geliebte ist nicht erschienen. So wartet der verkleidete Priester, der sich nie mit dem Verlust abfinden konnte, seither jede Nacht auf ihr Kommen.
20. August 2025 Concubion
Nach dem Frühstück verließen wir kurz vor Sonnenaufgang die Herberge. Am Strand erlebte ich einen unvergesslichen Sonnenaufgang, bei dem sich die Wolken im Wasser spiegelten. Dieser Sonnenaufgang hat sich ganz besonders in mein Gedächtnis eingeprägt. Wenn ich einmal positive Gedanken benötige, denke ich immer kurz an diesen Moment. Auf der kurzen Schlussetappe nach Finisterre marschierten wir gemütlich entlang dem Praia da Lagosteira. Auf dem über einem Kilometer langen Sandstrand. lagen viele leere Jakobsmuscheln.
Mein Buch zum Jakobsweg
Meine Wanderungen am Jakobsweg
Träumst du davon, den Jakobsweg zu gehen? Dieses Buch begleitet dich von der Planung bis zur Ankunft in Santiago. Freue dich auf inspirierende Routen, praktische Tipps, persönliche Erfahrungen und viele wertvolle Informationen, die dir Sicherheit und Motivation für deinen eigenen Weg geben.
Das findest du im Buch:
- Die schönsten Jakobswege im Überblick
- Camino Portuguese
- Camino Frances
- Camino Finisterre
- Unterkünfte, Verpflegung & Budget
- Rezepte zu landesüblichen Gerichten